Presse

Das Mädchen mit dem steinernen Rock:

„Es war eine kleine Überraschung inmitten dieses Festivalreigens, denn auf die kleine Bühne unterm Dach trat gestern vormittag keine Puppenspielerin, ja, überhaupt keine Spielerin. Hier trat eine Malerin an, uns ihre Geschichte mit dem Pinsel zu erzählen. Eigentlich aber trat sie auch nicht an, sie wagte sich zu uns vor… Kruses Märchen ist eine höchst eigenwillige Version von der Entstehung der Welt. Da tauchen plötzlich Steine auf, als verloschene, herabgefallene Sterne. Und wieder Stille… wie die Kruse erschien, um als Persönlichkeit sogleich wieder zu verschwinden, so ist es auch mit ihrem Bild. Nacheinander tauchen Dinge und Wesen auf, die für ihren Abgang mit der Hand einfach wieder weggewischt werden für neues. Mit Wischen und Schmieren wird auch das Mädchen Mür lebendig, das im Zentrum steht, und zwar von der Hüfte abwärts felsenfest. Sie war aus einem Stein aufgetaucht, der nun ihr Rock ist… Wenn sie sich dreht und wendet oder beugt, wird eine entsprechend neue Position aus der vorherigen heraus gemalt, ohne dass die alte dabei schon gleich verschwindet. So bekommt das Bild immer wieder einen surrealen Anstrich.
Dieser besondere Farbtupfer, den das Theater PASST zur Synergura beitrug, zeigt uns gemaltes Figurentheater, und damit, wie aus bildender Kunst eine darstellende wird. Oder anders: Wenn das Theater üblicherweise Bilder schafft, so schafft hier ein Bild das Theater. Dieses Bild lernte dabei zwar nicht laufen, aber in Bewegung geriet es durchaus. Es befand sich geradezu im Fluss…“
Michael Helbing, Weimar
in: Festivalboulletin der SYNERGURA 2006, Erfurt



„Das Mädchen mit dem steinernen Rock“ von Silke Kruse in der SCHAUBUDE Berlin

Eine Frau betritt die Bühne und verspricht ein Märchen aus uralter Zeit. Das Erzählen, so erfahren wir, sei für sie verbunden mit Malen und Zeichnen. Also setzt sie sich an ihren Malplatz – einen kleinen Holztisch mit Pinseln, Näpfen, Farbfläschchen, Arbeitslicht. Der durchsichtige, gläserne Malgrund steht aufrecht vor ihr, hebt sich leicht ab von der großen weißen Papierfläche im Hintergrund. Hier kann alles werden. Neben dem Malplatz sitzt der Musiker hinter seinen Instrumenten (Steine, Hölzer, auch ein Metallbesen …).
Die Erzählerin zieht weiße Handschuhe an, nimmt in jede Hand einen Pinsel und malt an den Anfang ihres Märchens schwarze Steine. Kinder und Erwachsene sehen in der kommenden Stunde eine faszinierende Welt entstehen, sich wandeln und beleben. Bilder wie Höhlenzeichnungen tauchen auf und kommen in Bewegung: Wir lernen das braune Einhorn kennen, das ein rotes Mädchen mit Namen Mür aus dem größten Stein befreit. Ihr Kopf, der Hals, der Oberkörper und ihre Arme wachsen mit jedem Pinselstrich aus dem schwarzen Felsbrocken heraus. Der selbst bleibt als Unterteil stehen, wird zum Rock Mürs, bannt sie fest auf das Bild und die Erde.
Damit sie das Einhorn ansehen kann, wird ihr ein zweites Gesicht gemalt. Will sie etwas greifen oder sich am Horn festhalten, bekommt sie einen besonders langen Arm. Die Malerin belebt und verwandelt auf ihre Weise ihre Bilder.Wobei all diese Verwandlungen auf dem weißen Hintergrund noch einmal und viel größer erscheinen. Aus einem Bild erwächst das nächste. So wird das Einhorn weggewischt, wenn es auf die Suche nach Gefährten für das Mädchen geht. Kehrt es zurück, wird es neu gemalt.
Mür, die mit ihrem schweren Rock nicht laufen kann, fällt auf der Stelle um, ihre Haare schlagen Wurzeln, die treiben später Blätter und Blüten. Archaisch anmutende Bilder, kommentiert mit jenem Humor, der die Geschichte vor Pathos bewahrt. Und von den Bildern, die vergehen, bleibt ein Rest, der an Früheres erinnert oder genutzt wird für neue Gewächse und fabelhafte Wesen. Silke Kruse malt und erzählt in wohltuender Ruhe. Gert Engel setzt seine Musik in die Geschichte. Er malt mit Tönen, begleitet ihre Bilderfindungen. So werden die Zuschauer von den beiden aus der Zeit genommen und in eine malerische, klangvolle andere Welt getragen. Für die Dauer der Vorstellung entsteht eine Gemeinschaft aus Akteuren und Publikum, in der jeder die eigene Phantasie spielen lassen kann. Erfunden wurden das braune Einhorn, die rote Mür, der blaue Pelikan aus Mondstaub und die anderen fabelhaften Wesen im Atelier der Malerin Silke Kruse. Ihre Zeichnungen und Texte ließen diese Inszenierung seltener Art entstehen.“
Marianne Fritz in: DOUBLE – Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater 04, Heft 1/2005

Malzeit – Theater für einen Zuschauer:
FESTIVAL: Des marionnettes et des hommes à Neuchâtel
Les arts fusionnent en poésie à la 13e Semaine Internationale de la marionnette
„Devant vous, rien que pour vous, unique spectateur devant le petit castelet, un spectacle se dessine, au pinceau. Moment suspendu que vous emporterez avec vous, comme un trésor. 
Ce spectacle du Theater Passt, de Berlin, est la plus petite forme invitée à la Semaine Internationale de la marionnette en pays neuchâtelois. Mais les quelques minutes à peine du P’tit resto au pinceau caché sont assez représentatives de ce carrefour des disciplines artistiques, de cette recherche tous azimuts qu’offre la marionnette, représentée dans sa plus belle diversité jusqu’à dimanche à Neuchâtel, La Chaux-de-Fonds, Saint-Aubin et au Locle.”
Elisabeth Chardon, „LE TEMPS„, Genève, 3 nov 2009

(Vor Ihnen, und nur für Sie, dem einzigen Zuschauer vor dem kleinen Kastelet, wird ein Schauspiel mit dem Pinsel gezeichnet. Ein angehaltener Augenblick, den Sie mitnehmen werden wie einen Schatz.
Dieses Schauspiel von Theater Passt aus Berlin ist das kleinste, das zur Woche der Internationalen Marionetten nach Neuchatel eingeladen wurde. Aber diese wenigen Minuten im „kleinen Restaurant zum versteckten Pinsel“ sind repräsentativ für diesem Treffen der künstlerischen Disziplinen, dieser umfassenden Suche, die das Figurentheater bietet und in seiner schönsten Vielfalt bis zum Sonntag in Neuchate, La Chaux de Fond, Saint Aubin und Locle gezeigt wird.)